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Dienstag, 11. Februar 2014

Sabbatical I Sandra Wöhe


„Ich kündige, Irma! Fertig. Schluss. Aus.“Tor!Meine beste Freundin angelt den Ball aus dem Netz und wirft ihn mir wieder zu.„Mette! Du hättest mir fast den Kopf weggeschossen. Ab in die Ecke mit dir.“Diesmal hält sie. Mist.

„Lass uns durch die Welt ziehen, Irma. Das Büro geht mir auf den Wecker. Endgültig.“
„Ein Sabbatical?“, fragt Irma. „Och nö. Auszeit ist mir zu anstrengend. All dieses Lebensstrategie überdenken, Ziele formulieren, Kurskorrekturen einleiten. Und dann nimmt das Schicksal die Kontrolle meines Lebens doch selbst in die Hand. Geh du mal schön allein auf deine Reise, liebe Mette.“
Wieder schieße ich ein Tor.
„Nix für ungut, Irma. Aber deine Augenringe machen jedem Panda Konkurrenz.“
Das wäre doch gelacht, wenn ich sie nicht packen könnte.
„Sei mal ehrlich. Das macht dir doch alles längst keinen Spaß mehr. Dein Job, die Uni, ach was, dein ganzer Alltag! Deine Ehe mit Dörte. Hab einfach den Mut, zu deinen Sehnsüchten zu stehen.“ Warum grinst Irma nur so?
„Ach, Mette. Einfach nur dir zuhören, das genügt. Das pustet den Kopf ganz von allein wieder leer.“

Neuer Versuch.
„Du brauchst dein Leben doch nicht total umzuwerfen. Aber Veränderung tut immer gut.“
Irma nimmt mir die Wasserflasche aus der Hand. „Schon vor Moses galt der Beschluss, dass sich das Feld auch erholen muss. Und ward der Mensch wirklich aus Lehm gemacht, so gilt das für ihn in gleicher Pracht.“
Jetzt kommt mir Irma auch noch mit der Bibel! Die muss wirklich in die Pause.
„Du brauchst also unbedingt ein Sabbatical, Mette?“ Sie wischt sich mit dem Handtuch den Schweiß aus dem Nacken. „Mir wäre das zu lang, eine Pause nur alle sieben Jahre. Heißt schließlich: Am siebten Tage sollst du ruhen. Doch soll mein Leben sich gut runden“, sie setzt sich auf die Ersatzbank, „brauch ich Rast nach sieben Stunden.“
Ich hocke mich zu ihr.

„Wenn schon, denn schon, liebe Irma. Alle sieben, ja, Minuten soll neuer Reiz die Sinne fluten.“ Was könnte sie locken, was kann ich ihr bieten? „Das Glück einatmen in Bhutan. Tibetisch lernen. Bäume pflanzen in der Wüste ...“
Irma unterbricht mich. „Alles schön und gut. Aber sag mir bitte, warum trennst du deine Arbeit und dein Vergnügen? Kein Wunder, dass du alles hinschmeißen willst.“
Ich krame in meiner Sporttasche. Die Verpackung des Müsliriegels landet im Papierkorb. Okay. Knapp daneben.
„Verdammt nochmal, Irma! Was ist das für ein Leben, wenn ich weniger Zeit mit meinen Freundinnen verbringe als mit den Arbeitskolleginnen?“
Irma zwinkert. „Menschen, denen du am Arsch vorbeigehst, nicht wahr, Mette? Und mit denen du doch achteinhalb Stunden täglich eingesperrt bist. Netto. Fünf Tage die Woche, Überstunden nicht mitgerechnet. Arme Mette. Das laugt aus. Alle. Jede.“
Jede? Also auch meine Kolleginnen? Sogar Ilse? Die blöde Quasselstrippe. Die hab ich ja gefressen. Wir grüßen uns schon lange nicht mehr. Sollte ich vielleicht mal wieder Kuchen mitbringen? Und zwar nicht dann, wenn Ilses freier Tag ist. Oder sie mal wieder krank feiert. Den ersten Schritt wagen? Nein! Dann wird sie nie ins Sabbatical gehen und uns ein Jahr Auszeit spendieren.

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